©Daniel Triendl

Schnorren

von Bastian Kellhofer

 

Von „Hast Du mal einen Euro“ bis „Hast Du mal eine Million“. — Geld, unsere geliebte Göttergötze, unser Objekt der Begierde. Punks, NGOs, Pfarrer — alle sind hinter unserem Ersparten her. Ohne die ganz große Gegenleistung anzubieten.

Hast Du mal ’nen Euro? Auch wenn das Objekt der Begierde nur eine Zigarette ist, der Schnorrer will Aufmerksamkeit und Prestige. Wer schnorrt, will nach oben. Und zwar ohne groß etwas dafür herzugeben. Diese Kultur hat sich tief in unsere Wirtschaftswelt gefressen. Der Modegott Versace hat das Phänomen für sich genutzt. Er stattete Prominente mit seinen Kleidern aus — auf Anfrage und Leihbasis. Bon Jovi, Liz Hurley, Courtney Love — sie alle „lieben“ die sündhaft teure Mode des Italieners. Bei den Golden Globes glitzern sie in die Kamera und berichten gerne, aus welchem Haus die Fummel kommen, die sie zur Schau tragen. Spitzen-PR für den Modekonzern. Bei ausreichend Prestige: geschenkt. Bei weniger: geliehen. Als Jenny Elvers beim Deutschen Filmpreis mit ihrem Versace-Kleid angab, konnte man sicher sein, dass sie geschnorrt hatte. Auch Sex-and-the-City-Star Kim Cattrall kann ausgezeichnet schnorren. Den nagelneuen Benz, aus dem sie die Beine schält, um neben Mercedes-Chef Dieter Zetsche auf einer Automobil-Messe die Figur zu machen, für die sie bezahlt wird, kutschiert sie sicher nicht in die heimische Garage. Alles nur geliehen, gefaked, erschnorrt.

Prestige hat einen Preis

Literatur — auch Kultur, aber ein anderes Genre. Die Figur des Dorian Grey kannte in der Kunstwelt des 19. Jahrhunderts den Wert seiner Erscheinung. Den tat er auch kund. „Heutzutage kennen die Menschen von allem den Preis und von nichts den Wert“, haucht er seinem Gönner Basil Hallward ins Ohr. Ewig jung, gleißend unschuldig. Ein naiver Empörling. Vergöttert für sein makelloses Äußeres, geschätzt für seine kindlichen Einwürfe. Dorian dient sich als Muse für die wohlbetuchte Londoner Kunstszene hoch. Er bezirzt und betört die Maler und Sammler. Als Dank wird ihm Zugang zu den oberen Zehntausend gewährt. Bälle, Vernissagen, Opern — Dorian schmückt en passant jede Veranstaltung — rein durch seine Anwesenheit. Er parliert und lässt hofieren. Alles Weltliche — eine Zumutung. Sein Narzissmus und seine Ästhetik sind sein Goldesel. So wie Niki Lauda. Ein gefundenes Fressen für den Boulevard. Hinter dem Glitter — eine kindliche Versorgungshaltung: Nähre mich, reicher Mensch.

Christian Wulff wurde vom deutschen Boulevard verspeist. Dem ehemaligen deutschen Bundespräsidenten, gesegnet mit allem, was sich ein Staatsoberhaupt nur wünschen kann, wurde sein Hang zum schönen Leben und seine Nähe zu denen, die es haben, zum Verhängnis. Protegiert von der Kanzlerin, begleitet von einer blütenschönen, aufregenden Frau und mit 17.000 Euro monatlich besoldet. Das Glück an der Spitze des Staates währte dennoch keine zwei Jahre. Weil Wulff schnorrte. Er hielt das prä-präsidiale Patscherchen beim Unternehmerehepaar Edith und Egon Geerkens auf, als er noch Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen war, um vom „väterlichen Freund“ eine halbe Million Euro zu ausgesprochen günstigen Konditionen zu ergattern. Die Causa holte ihn während der Präsidentschaft ein. Auch ein kostenloser Urlaub mit AWD-Gründer Carsten Maschmeyer trug nicht unwesentlich zum Rücktritt des Saubermann-Präsidenten bei. Er hatte sich durch die Beletage der deutschen Wirtschaft geschnorrt. Seine Rechnung: mehr Status, mehr Aufmerksamkeit, mehr Macht. Wulff fiel tief. Die Blütenschönheit verließ ihn, die Karriere war hin, der Lack ab.

Der Wiener Psychoanalytiker August Ruhs attestiert dem Schnorrer vor allemim wohlsituierten Umfeld eine aggressive Grundtendenz, eine permanente Grenzüberschreitung. Ich darf nicht, will aber trotzdem alles haben. „Die Korrelation von Schuld und Scham spielen beim Schnorren eine übergeordnete Rolle. Die Scham tritt auf den Beschnorrten über.“ Fragen Sieden Gönner Maschmeyer. Als der Investor kürzlich bekannt gab, bei der Start-up-Show „Die Höhle des Löwen“ in der Jury zu sitzen, erntete er einen passablen Shitstorm. Der Ruf wurde durch seine Spendierfreude ruiniert.

Die spirituellen Schnorrer

Diese dezent schmierige Anmutung, dieser Verstoß gegen das heilige Leistungsprinzip der kapitalistischen Wertegemeinschaft galt für die Schnorrer nicht immer. Im orthodoxen Judentum hatten die Schnorrer eine sozial potente Stellung inne: Sie verhalfen den reichen Handelsleuten dabei, einer ihrer wichtigsten religiösen Pflichten nachzukommen, der Barmherzigkeit. Die jüdischen Schnorrer des 17. Jahrhunderts waren spirituelle Bettelmönche. Sie hatten den Status von Wohltätern, die durch ihre bloße Anwesenheit die gute Tat erst bewirkten. Was auch daran lag, dass sie im Gegensatz zu christlichen und muslimischen Bittstellern Talmudgelehrte sein mussten, um die Reicheren zu einer Wohltat veranlassen zu dürfen. Aus dieser Zeit haben die Schnorrer auch ihren Namen. Denn die jüdischen Mönche zogen mit Lärminstrumenten durch die Lande, um ihr Anliegen lautstark zu bewerben. Weaponof choice: die Schnarre. Namenstiftend für den gesamten Berufsstand. Wer heute als solcher tituliert wird, hat durch wiederholtes Bitten um kleine Zuwendungen wie Zigaretten, ein spendiertes Bier oder kleine Beträge den Unmut seines Umfeldes auf sich gezogen.

Kinder: Die Könige im Abgreifen

Dieses Streben nach dem schnellen, bequemen Mehr steckt tief in der menschlichen DNA. Schon in der Frühphase des sozialen Miteinanders lernen Kleinkinder rasend schnell, durch geschicktes Argumentieren, Schmeicheln und Abwägen ihren Anteil an der Gummibärchen-Packung zu vergrößern oder einem anderen Kind mit ähnlich subversiven Methoden das Lieblingsspielzeug abzuluchsen. Auch das schnorrende Kind hat keinen anderen Wunsch, als seine gesellschaftliche Stellung durch den kostenlosen Zugewinn zu verbessern. Selbst wenn es sich um die Mikrogesellschaft Kindergarten handelt. Das Kind mit den meisten Süßigkeiten in der klebrigen Faust wird bewundert und seinerseits angeschnorrt. Deren Rechnung: mehr Gummibärchen, mehr Aufmerksamkeit, mehr Macht. Und die geht bei den geschickten Kindern wunderbar auf. Bei den plumpen endet sie in Tränen. Der erwachsene Schnorrer gibt etwas zurück. Die Gegenleistung entspricht nur nicht dem gängigen Tauschsystem Geld. Ihr Nutzen entfaltet sich indirekt. Dorian Grey inspirierte und zahlte in der bombensicheren Währung Prestige zurück. Im Fall Wulff liegt der Wert für die Beschnorrten im erhofften politischen Entgegenkommen ihres Günstlings. Selbst Punks, die nach einer Zigarette fragen, geben dem Spender für ein paar Minuten dieses wohlige Gefühl, sich von einer Last befreit zu haben. 

Die gerissenen Schnorrer: Journalisten, Pfarrer, Förderhelfer

Journalisten beherrschen dieses Spiel besonders gut. Sie dealen mit ihrer Möglichkeit, die Öffentlichkeit zu beeinflussen. Der Meister in diesem Fach war ein Wiener. Anton Kuh lebte um die Jahrhundertwende herum. Kurt Tucholsky bezeichnete ihn als „Sprechsteller“, weil er kaum durch veröffentlichte Werke auffiel. Umso mehr aber bei Verlegern. Durch seine brillante Rhetorik fiel es ihm leicht, Vorschüsse für Glossen und Essays zu erlangen, die er dann sehr spät oder gar nicht lieferte. Über einen strebsameren Kollegen sagte Kuh dereinst: „Das ist auch so ein unkollegialer Kollege. Er nimmt Vorschuss und liefert pünktlich. Ich habe ihn schon einige Male dabei ertappt.“ Als Kuh auf Druck der Nationalsozialisten Wien verlassen musste und in die USA emigrierte, sorgten sich seine Kaffeehausfreunde um ihn. Er entgegnete: „Keine Sorge, Schnorrer werden überall gebraucht.“ Er behielt recht. Kaum angekommen, knöpfte er in Hollywood den Reichen und Schönen die Scheine ab. Wer dort Star war und wer nicht, bestimmte Kuh mit seinem Geschnorre. Ein vollendeter Könner.

Heute bekommen Journalisten freien Eintritt in die Museen, Rabatte in Fitnessstudios, Konten mit Sonderkonditionen. Meist auf dezente Rückfrage kurz vor Unterzeichnung des allgemein gültigen Vertrags. Frei Haus, für den privaten Gebrauch. Prominente Schnorrer schreiben sie in den Ruin, selbst heimsen sie allerhand Schnorr- gut ein wie Dealer der breiten Öffentlichkeit. Allein die Aussicht auf wohlwollende Berichterstattung treibt vielen Dienstleistern den Stolz aus den Nasenlöchern. Wenn Mama das sieht.

Der NGO-Minijobber, der mit wütend-anprangerndem Gesicht in der Innenstadt um einen Obolus zur Rettung der Welt bittet, hat das Schnorren zum umfänglichen Inhalt seiner Sommerferien gemacht. Der Gegenwert, den er anbietet: ein erhabenes Gefühl. Man bewahrt die Wale vor der Auslöschung oder finanziert den Zaun, der brandrodende Horden vom Regenwald fernhält. Subsumieren wir die gemeinnützige, soziale Fundraising-Industrie auch unter dem Gesichtspunkt „Geld einnehmen, ohne einen direkten materiellen Gegenwert anzubieten“, dann steigt der Schnorr-EBITDA um schlappe 600 Millionen Euro pro Jahr. Die Österreicher erleichtern ihr Gewissen gerne über das Börserl. Auch hier wechselt etwas die Fronten. „Die Schuld überträgt sich auf denjenigen, an den das Begehren gerichtet ist“, sagt Ruhs. Durch die Bitte des Schnorrers wird ein Notstand ersichtlich. Ob tatsächlich vorhanden oder nicht, schert unser Unterbewusstsein wenig. Oder trauen Sie sich an Weihnachten den Klingelbeutel abwinkend passieren zu lassen, na?

Überhaupt. Die Mutter aller Schnorrer. Vier Millionen Euro nahm die katholische Kirche über das Schnorren ein. Allein im Jahr 2015 und nur in Wien. Den Ertragsposten findet man unter „Sonstiges“ im Rechnungsbericht. Wie hoch der Anteil der erschnorrten Geldbeträge unter den Einnahmen „kirchliche Aktivitäten“ ist, wissen nur die Pfarrdiener hinter den Kuchenbuffets und Grabbeltischen. Letztgültige Gegenleistung der Kirche: ein Platz an der Seite des Allmächtigen und die Vergebung der Sünden. Weltweit ein einträgliches Geschäft.

Der neoliberale Schnorrer

Doch auch unter den neoliberalen Heilsbringern gibt es Schnorrer. Der Förderungsberater hat das Schnorren sogar professionalisiert. Er hilft Start-ups dabei, die nötigen Unterlagen so aufzubereiten, dass FFG, AWS und CO. auch wirklich anspringen. Anyline-Gründer Lukas Kinigadner hat indirekt schon so seine Probleme mit den Förderberatern bekommen. Der Tiroler hat das OCR-Start-up gegründet, das dem Handy das Lesen beibringt. Mittlerweile ist Anyline nicht mehr aufzuhalten, aber in den ersten Monaten kämpften Kinigadner und seine Co-Founder um die Fördertöpfe. „Wir saßen relativ entspannt beim AWS und warteten auf das Abschluss-Gespräch für eine Förderung, die uns wieder erlaubt hätte, sechs Monate lang weiterzumachen. Unser Alex hat sich um die Förderungen gekümmert. Er ist selbstständiger Diplom- Ingenieur, und daher dachten die vom AWS, dass wir wohl einen Berater dabeihätten, der uns das Geld erschnorren möchte. Sie haben zur Abschlussbesprechung extra den führenden OCR-Experten von der TU eingeladen und uns zwei Stunden lang wie die Schulmädchen auseinandergenommen: Ob die Technologie überhaupt funktionieren würde, ob das Geschäftsmodell zum Produkt passt oder nicht. Sie vermuteten, dass wir einen Zwischenhändler dabeihätten. Und das mögen die gar nicht.“ Im Förderparadies Österreich ist ein richtiger Geschäftszweig daraus entstanden. Die Berater drehen und drücken das Start-up in die richtige Passform, damit die Förderungen leichter abgegriffen werden können. Sie wissen genau, welche Parameter und Kriterien den öffentlichen Stellen wichtig sind. Dafür nehmen sie nach erfolgreichem Abschluss zehn bis 15 Prozent der Fördersumme. „Diese Schnorr-Profis gibt es, weil die Rahmenbedingungen hart sind. Unsere Firma würde es ohne FFG und AWS gar nicht geben und dass, obwohl wir die Fördersumme fast direkt wieder beim Fiskus abliefern müssen, aber ohne diesen Schwung wären wir nicht weit gekommen“, so Kinigadner.

Jede Litfaßsäule, jedes Werbe-Pickerl auf dem Revers eines Sportmoderators ein Schnorr-Versuch. Primär um Aufmerksamkeit, sekundär um das Ersparte. Blickt man aus diesem Winkel auf die moderne Wirtschaft, dann fungieren ganze Wirtschaftszweige als breitenwirksamer Multiplikator für ein gewünschtes Engagement gegen einen geringen Gegenwert. Der schwarm-getriebene Crowdfunding-Manager bittet um einen Betrag für die Realisierung seines beruflichen Projekts. Die gesellschaftliche Breite, in der man schnorrt, hat sich sukzessive erweitert. Doch das Ziel ist immer dasselbe: ein libidinöser Wunsch nach Partizipation, nach einer Ausdehnung der eigenen Macht, nach der Verbesserung der eigenen sozialen Stellung. Psychoanalytiker Ruhs geht so weit, dass er das Schnorren
als „Verweigerung die symbiotische Mutter- Kind-Beziehung aufzugeben“ klassifiziert. Man will weiterkommen, und zwar in der kuscheligen Fötusstellung. Sei es der Punk, der eine Zigarette erbittet, das TV-Sternchen, das nach dem teuren Kleid lechzt, oder das nach dem fremden Teddybären jammernde Kleinkind. Sei dabei, unterstütz mich auf der Jagd nach dem alten Affen Aufmerksamkeit. Tun wir gerne. Hilft uns ja auch selbst. Hier hast du zwanzig Euro.