Risikofaktor: fehlende Versicherung

 von Herta Scheidinger

 

Stell Dir vor, Dein Co-Founder bricht sich beide Beine und fällt drei Monate lang aus. Eure Company liegt erstmal auf Eis. In solchen Härtefällen können Versicherungen der rettende Anker sein.

Auch wenn am Beginn der Selbständigkeit die finanziellen Mittel knapp sind, ist der passende Versicherungsschutz unerlässlich. Obwohl das Risikobewusstsein und der Informationsstand in den letzten Jahren deutlich angestiegen sind, wird der Versicherungsschutz oft völlig vernachlässigt, wie eine Umfrage der Wiener Städtischen zeigt. So ist jedes zehnte Unternehmen in Österreich überhaupt nicht versichert. Große Unterschiede zeigen sich hier jedoch zwischen Ein-Personen-Unternehmen (EPU) und Klein- und Mittelbetrieben (KMU). „20 Prozent der EPU verfügen über keine Versicherungen, bei den KMU sind es fünf Prozent. KMU empfinden grundsätzlich Versicherungen signifikant häufiger als unverzichtbar als EPU. Durchschnittlich haben Österreichs Unternehmen 2,9 Versicherungen. EPU sind mit durchschnittlich zwei Versicherungen weniger umfangreich geschützt als KMU mit 3,4 Versicherungen im Schnitt“, kennt Hermann Fried, Vorstandsdirektor der Wiener Städtischen Versicherung, die Branche.

Existenzbedrohung

Für Jungunternehmer ist die Entscheidung, welche Versicherungen bereits am Anfang Sinn machen, keine leichte. Doch auch wenn die anfallenden Prämien eine zusätzliche Belastung für das meist nicht sehr üppige Budget darstellen, ist eine Absicherung vor allen existenzbedrohenden Gefahren unbedingt notwendig. „Es gilt gerade bei Neugründungen, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen aktuell wahrscheinlichen Risikofaktoren und den finanziellen Möglichkeiten des Jungunternehmers zu schaffen. Gerade für Jungunternehmer gibt es oft günstige ‚Start-Förderungen‘ durch Kooperationen von Unternehmervertretungen (WKO-Junge Wirtschaft) und den Versicherungsunternehmen oder individuelle ‚Neugründerboni‘, aber auch Konditionen wo der Versicherer in den ersten sechs bis zwölf Monaten auf die Prämie gänzlich verzichtet. Es gilt in jedem Fall, hier Prioritäten beim Versicherungsschutz zu setzen und zu Beginn wenigstens die existenziellen Gefahren abzusichern“, so Heinz Schuster, Generaldirektor der s Versicherung.

Wichtig ist jedoch eine umfassende Beratung, denn an der falschen Stelle zu sparen, kann im Ernstfall sehr teuer werden. „Es wird leider manchmal zu wenig auf Qualität und den richtigen Deckungsumfang geachtet“, so Walter Kupec, Vorstand Ressort Schaden/Unfall der Generali Versicherungs AG. „Nur mit einer umfassenden Beratung durch einen Experten kann man als Unternehmer die verschiedenen Risiken richtig einschätzen und den Versicherungsschutz mit dem passenden Preis-Leistungsverhältnis auswählen“, so Kupec weiter.

Was brauche ich?

Doch welche betriebliche Versicherung brauche ich als Start-up? Trotz aller Vorsicht gibt es Ereignisse, die nicht in den eigenen Einflussbereich fallen. Ein ausbrechender Brand, ein geplatztes Wasserrohr oder der Besuch eines Einbrechers können alles zunichtemachen, was man sich aufgebaut hat. Dazu Hermann Fried: „Die größten Risiken sind die, die den gewerblichen Betrieb stark einschränken oder zum Stillstand bringen. Dazu zählen Beschädigungen oder die Vernichtung von Betriebseinrichtung, Waren oder sonstiges Betriebsvermögen durch z. B. Brände, Einbruchsdelikte, Durchnässungs- oder Sturmschäden.“

Einen besonders hohen Stellenwert hat auch die Betriebsunterbrechungsversicherung. Denn fällt der Unternehmer durch eine Erkrankung oder einen Unfall aus, kann das böse Folgen für den Betrieb haben. „Die Betriebsunterbrechungsversicherung ist gerade für kleine Betriebe besonders wichtig, denn selbstständig sein heißt bekanntlich: Selbst ständig zu arbeiten —bei einer Erkrankung etwa steht meist der ganze Betrieb still — es wird kein Umsatz erwirtschaftet, aber die (Fix-) Kosten laufen weiter. Gerade bei jungen Unternehmen besteht für solche Fälle noch keine ausreichende Reserve, eine schwere Erkrankung oder ein zerstörerischer Brand in der Betriebsstätte kann im schlimmsten Fall eine Insolvenz zur Folge haben. Eine gute Betriebsunterbrechungsversicherung kann hier Abhilfe schaffen indem sie die laufenden Kosten, bis zu einem Zeitraum von sechs — 24 Monaten, bedient“, so Heinz Schuster.

Ist der Ausfall dauerhaft, kann sich der Abschluss einer Berufsunfähigkeitsversicherung für Start-up Gründer bezahlt machen. Wird man durch Krankheit oder Unfall berufsunfähig, springt die Versicherung ein und zahlt eine vorher festgelegte Rente. Laut der Umfrage der Wiener Städtischen empfinden 83 Prozent der EPU und 50 Prozent der KMU Berufsunfähigkeit als Bedrohung.

Als eine der wichtigsten Absicherungen ist die Betriebshaftpflicht zu nennen, sie sichert die Unternehmer gegen Ansprüche aus ihrer beruflichen Tätigkeit ab. Rund 77 Prozent der österreichischen Unternehmen sind sich der Risiken bewusst und haben sich gegen Haftpflichtschäden versichert. Die Haftung für Schäden aus der betrieblichen Tätigkeit ist nach dem Schadenersatzrecht nach oben unlimitiert und stellt somit ein absolut existenzgefährdendes Risiko dar. „Unternehmer werden immer häufiger mit Schadenersatzforderungen konfrontiert. Auch wenn diese Forderungen unberechtigt sind, fallen bereits für die Abwehr dieser Ansprüche für den Unternehmer enorme Kosten an. Eine Haftpflichtversicherung wehrt ungerechtfertigte Schadenersatzansprüche ab und kommt gerechtfertigten Ansprüchen nach. In diversen Berufsbereichen hat der Gesetzgeber in den letzten Jahren bereits mit einer Versicherungspflicht im Haftpflichtbereich auf diese Entwicklung reagiert. Aber auch in Branchen, in denen die Absicherung des Haftpflichtrisikos nicht gesetzlich vorgeschrieben ist, ist der Abschluss einer Betriebs- und/oder Berufshaftpflichtversicherung mit der passenden Deckung und einer ausreichenden Versicherungssumme existentiell“, rät Walter Kupec.

Bündelversicherungen

Die großen Assekuranzen bieten Bündelversicherungen an, die die elementaren Risiken absichern. „Eine sogenannte ‚Betriebsbündelversicherung‘ sollte den Verlust/das Abhandenkommen bzw. die Zerstörung der Betriebseinrichtung und gegebenenfalls des Betriebsgebäudesselbst, sofern dies im Besitz des Unternehmers ist, gegen Elementargefahren wie Feuer, Sturm, Leitungswasser, Einbruchsdiebstahl und Katastrophenschäden, z.B. Hochwasser, absichern. Außerdem sind die Betriebshaftpflichtversicherung und eine Betriebsunterbrechungsversicherung Bestandteil so einer Bündel-Polizze. Auch eine Rechtsschutzversicherung zur Wahrnehmung rechtlicher Interessen bei Inkassostreitigkeiten oder vertraglichen Auseinandersetzungen mit Kunden und Lieferanten, kann ein wichtiges Thema sein, das besprochen werden sollte. Natürlich ist auch der Fuhrpark des Kunden Bestandteil einer solchen Analyse“, so Heinz Schuster. Und weiter:  „Es ist sehr wichtig genau auf das jeweilige unternehmerische Risiko einzugehen. Eine Tischlerei hat beispielsweise ein anderes Gefahrenpotenzial als ein grafisches Atelier und benötigt daher andere Versicherungssummen, aber auch andere Deckungsbausteine. Ein EPU ist anders zu bewerten als ein mittelständisches Unternehmen mit 20 oder mehr Angestellten. Je genauer die Risikoanalyse, desto besser lässt sich ein passendes Deckungskonzept erstellen. Der (Jung-) Unternehmer kann sich dadurch ‚sicher‘ fühlen und sich auf seine Tätigkeit konzentrieren. Die Sorge um etwaige finanzielle Risiken nimmt ihm der Versicherer ab.“