©Raffael Stiborek

„Ich bin angenehm enttäuscht, dass es die Erde noch gibt“

von Lina Maisel und Gunnar Mertz

 

Der Risiko- und Sicherheitsforscher Wolfgang Kromp wundert sich, dass die Erde in dieser Form noch existiert: Der hohe Grad der Technologisierung und der überbordende Konsum schafft für den Menschen eine Umwelt, die Kromp als nicht „artgerecht“ bezeichnet. Ein Gespräch über Szenarien mit fatalen Folgen: Nuklearkatastrophen, Blackouts und Terroranschläge.

Ihr Job ist es, sich mit Risiko zu beschäftigen. Wie riskant ist unser Leben?

Alles was der Mensch macht ist risikobehaftet. Selbst im Schlaf könnten Sie überfallen werden oder Sie könnten etwas versäumen. Manche Risiken sind minimal klein, andere sind erheblich. Mich interessieren Risiken, die unsere Gesellschaft als Ganzes betreffen.

Welche Risiken sind das?

Das größte Risiko ist: Wir haben unsere Natur in eine Technosphäre verwandelt, in die wir nicht hineinpassen. Der große technische Aufwand ist eine Fehlentwicklung. Die Umwelt ist für den Menschen nicht mehr artgerecht [sic]. Die nächste Generation wird uns vorwerfen: Ihr habt zugeschaut, wie die Biodiversität vernichtet und die ganze Welt umgebracht wird. Ich muss sogar sagen: Ich bin angenehm enttäuscht, dass es die Erde noch gibt.

Ihrer Meinung nach liegt die Lösung also nicht in der Technik?

Ja. Ich bin aber auch kein Maschinenstürmer. Wir brauchen sehr viel Technik, aber kein Hightech. Die Frage ist: Wie kann man mit einfachen Mitteln vor Ort Nahrungsmittel oder Kleidung herstellen? Stellen Sie sich vor, wir erleben so etwas wie das Kriegsende 1945. Ich war damals selbst ein Kind. Was Amerika damals an Nahrungsmitteln geschickt hat, würde heute niemals reichen. Früher gab es überwiegend kleinbäuerliche Strukturen und Familienwirtschaften, die nahezu autark waren.

Autarkie ist heute schwerer zu bewahren als damals. Die Welt rückt immer enger zusammen. Auch das Stromnetz funktioniert länderübergreifend.

Deshalb wird ein möglicher Blackout sehr ernst genommen. Österreichs Blaulichtorganisationen haben vor einiger Zeit einen Workshop zu diesem Thema abgehalten. Es herrschte die Meinung, dass ein flächendeckender Blackout in großen Teilen Europas die ganze Welt mitreißen würde. Die weltweit vernetzte Industrie würde zusammenbrechen. Die betroffenen Länder würden sich gegenseitig beschuldigen und es könnten Kriege ausbrechen. Die Welt wäre nach einem mehrwöchigen Blackout eine andere.

Wie würden wir die unmittelbaren Auswirkungen in unserem Alltag spüren?

Es würde Chaos herrschen. Stellen Sie sich vor, das Licht geht aus und Sie finden weder Taschenlampe noch Kerzen. Die Geldautomaten gehen nicht mehr. Das Auto können Sie nicht tanken, da die Pumpen an den Tankstellen nicht laufen. Auch die Kassen in den Supermärkten funktionieren nicht und die Geschäfte sind rasch leergeräumt. In den Kühlhäusern verwesen Tonnen an Lebensmitteln und verbreiten Gestank. Die Fäkalien können nicht aus den Hochhäusern abgepumpt werden und verseuchen Gewässerläufe und Grundwasser. Zusammengefasst: Es könnte zu irreversiblen Schäden kommen.

Sie sind Experte für nukleare Sicherheit. Was würde ein Blackout für Kernkraftwerke bedeuten?

Kernkraftwerke müssten sofort herunterfahren. Sie bräuchten aber weiterhin genug Strom für die Kühlkreisläufe, um die Nachzerfallswärme abbauen zu können. Das benötigt einige Megawatt, was wahnsinnig viel ist. Damit könnte man ein ganzes Dorf versorgen. Kraftwerke sollten vier Notstromaggregate haben, weil diese mit einer Wahrscheinlichkeit von ein paar Prozent nicht anspringen. Für eine einzelne Anlage sollte das kein Problem sein, aber wenn vielleicht 140 Kraftwerke betroffen sind, wird es schon am ersten Tag Schwierigkeiten geben. Bei den bisherigen Katastrophen haben wir Glück im Unglück gehabt.

Meinen Sie damit, dass die bisherigen Nuklearunfälle vergleichsweise glimpflich ausgegangen sind?

Ja. Die Geschichtsbücher könnten ganz anders ausschauen. Das Kraftwerk in Tschernobyl stand in einer wenig besiedelten Gegend in der Ukraine. In Fukushima wurden die meisten radioaktiven Stoffe in den Pazifik geweht und werden noch heute über die Grundwasserströme ins Meer gewaschen. Was das für das Meeres-Ökosystem bedeutet, wird man später erfahren. Aber der Wind hat auch gedreht und die radioaktive Wolke hat Tokio erwischt. Das wurde dann verheimlicht. Ich glaube, dass in Japan mehr verheimlicht wird als damals in der Sowjetunion. Das Beseitigen der Unfallfolgen darf nie dem Betreiber überlassen werden.

Wie schätzen Sie das Risiko von Terrorangriffen auf Kernkraftwerke ein?

Ein Kernkraftwerk ist etwas unglaublich Verletzliches. Technologien, bei denen solche Mengen an Schadstoffen an einem Ort akkumuliert sind, sollten vermieden werden. Terroristen könnten auf die Idee kommen, es dem Westen wirklich heimzahlen zu wollen. Für sie ist ein Kernkraftwerk wie eine Atombombe. Es enthält sogar zwei bis drei Mal mehr Radioaktivität. Nicht aufgrund der Explosionswirkung, aber vom Strahlenpotenzial her betrachtet.

Über französischen Atomkraftwerken wurden letztes Jahr mehrmals Drohnen gesichtet, von denen man bis heute nicht weiß, wer sie gesteuert hat.Kromp_seeds_final

Die Diskussion über Drohnen erschreckt mich. Ich habe vor kurzen einen Vortrag darüber im Wissenschaftsministerium gehört. Es ist hauptsächlichen über wirtschaftliche Chancen und humanitäre Angelegenheiten geredet worden, kaum über die Risiken. Aber eine Drohne, die zivil gekauft werden kann, wiegt immerhin 50 Kilogramm und kann etliches Gewicht transportieren. Trotzdem glaube ich nicht, dass Drohnen Terroristen einen großen Vorteil verschaffen. Sie sind nur eine Möglichkeit.

In der Sicherheitsforschung wird dem Risiko durch „Innentäter“ große Bedeutung zugemessen.

Da gibt es ein großes Spektrum an Risiken. Eine Übung in einem russischen Kernkraftwerk hat diese Möglichkeit einmal nachgespielt. Das Personal hat Bescheid gewusst und sollte einen Eindringling aufhalten. Es hat ihn wie wahnsinnig gesucht und nicht gefunden. Er hat es bis in den Schaltraum für die Hauptkühlmittel-Pumpen geschafft.

Denken wir das Szenario weiter: Eine Nuklearkatastrophe passiert mitten in Europa.

Hätten wir eine Katastrophe wie in Fukushima mitten im dicht besiedelten Europa, würde sich eine Todesspur über den Kontinent ziehen. Es könnte leicht ein Sperrgebiet von 500 Kilometer entstehen, in dem man sich nur noch mit Strahlenanzug bewegen kann. Ich glaube aber nicht, dass es viele Terroristen gibt, die wahnsinnig genug sind so etwas auszulösen. Ein solcher Angriff könnte ist hinsichtlich seiner Auswirkungen jedoch nicht kalkulierbar. Es hängt von der Windrichtung ab, in welche Richtung die Strahlenwolke weht.

Sie sind ein Gegner der bisher verfügbaren Nukleartechnologie. Die noch nicht nutzbare Kernfusion wird oftmals als „grünere“ Alternative bezeichnet. Was halten Sie davon?

Es gibt die Ansicht, dass Kernenergie zwar riskant ist, aber der Klimawandel noch viel riskanter wäre. Kernenergie ist und bleibt brandgefährlich. Für mich ist die Kernfusion schon deshalb kein Thema, weil wir jetzt etwas brauchen. Als ich jung war, hat es geheißen: In 20 Jahren haben wir die Kernfusion. Mittlerweile sagen schon die ärgsten Befürworter, dass es noch mindestens 50 Jahre braucht. Das kann man vergessen.

Worauf setzen Sie dann Ihre Hoffnung?

Ein wesentlicher Faktor ist unser Konsumismus. Wir leben auf zu hohem Niveau. Wir müssen uns Gedanken über den ökologischen Fußabdruck machen. Wir als Konsumenten entscheiden, welche Konzerne untergehen und welche wachsen. Die Zivilbedeutung hat eine bedeutende Macht.

Ihr persönliches Rezept für eine nachhaltige Lebensweise?

Meine Frau und ich fliegen nicht mehr. Wir versuchen möglichst biologisch einzukaufen. Ich achte auf Haltbarkeit und lasse Sachen reparieren. Ich geniere mich nicht, in einen Second-Hand-Shop zu gehen, auch wenn ich dafür kritisiert werde: Manche Leute bezeichnen meine Frau und mich als Trachtenpärchen und reden über meine Krawatte.

Die ist mittlerweile zu Ihrem Markenzeichen geworden.

Damit bekämpfe ich die Blue Jeans. Nicht, dass ich Jeans nicht auch praktisch fände, aber ich will eine bunte Welt sehen. Ich freue mich, wenn eine Inderin einen Sari trägt. Wenn die ganze Welt solche Gewandeln wie ich trägt, ziehe ich wieder Jeans an.

Apropos Kleidung: Haben Sie einen privaten Schutzanzug zuhause?

Nein, aber das ist ein Versäumnis. Ich werde mich ärgern.