Unternehmer-Studie

von Lilli Koisser

 

In der Unternehmer-Studie von Seeds und meinungsraum.at packen Österreichs Unternehmer über Vorbilder, Stolpersteine und (un-)verzichtbare Start-ups aus.

So denken heimische Unternehmer über Hipster-Bärte und Facebook! Das Seeds Magazin hat gemeinsam mit meinungsraum.at 300 österreichische Unternehmer und Führungskräfte befragt: Welche Unternehmen haben das Potential, die Welt zu verändern? Wer wird maßlos überschätzt? Und wie viel Geld würde man in neue Ideen investieren?

 

Wie denkt Österreichs Wirtschaft  über Start-ups, Social Media oder Business-Mode? 

Bei der Unternehmer-Studie von Seeds wurden 305 Unternehmer und Führungskräfte zu den unterschiedlichsten Wirtschaftsthemen befragt, wobei zwei Drittel der Befragten männlich und ein Drittel weiblich war. 32% waren unter 40, 68% über 40 Jahre alt, ein Drittel kam aus Wien. Ziemlich repräsentativ für die heimische Wirtschaft also! 
 

Start-ups und Web-Unternehmen

Befragt wurden die Eigentümer und Geschäftsführer unter anderem zu diesen spannenden Themen: Die großen Player wie Google und Twitter sind den österreichischen Unternehmern hinlänglich bekannt. Nur 40% kennen jedoch das junge Snapchat, und gar nur 3% haben schon einmal etwas von Slack gehört.  56% der Befragten trauen Google zu, die Welt nachhaltig zu verändern. Tesla kommt hier nur auf einen Wert von 32%.
65% der österreichischen Unternehmer kennen Runtastic, wovon 82 % von diesem Start-up auch am meisten beeindruckt waren. Kein Wunder bei dem kometenhaften Aufstieg des österreichischen Start-ups in den letzten Jahren! Facebook wird übrigens für die überflüssigste Innovation gehalten: 13% nennen das Unternehmen spontan auf die Frage, was nie erfunden hätte werden sollen.

 

Top und Flop in Österreich

Sehr eindeutig fällt die Wahl des wirtschaftlichen Vorbilds aus Österreich aus: Didi Mateschitz kann über ein Viertel der Sympathien einstreichen, während Frank Stronach auf die Frage nach dem „Darth Vader unter den Unternehmern der heimischen Wirtschaft“ führt – und damit andere Wirtschaftsgrößen wie Alfons Mensdorff-Pouilly, Julius Meinl und Richard Lugner aussticht. 
 

Das liebe Geld

Ungefähr die Hälfte der österreichischen Unternehmer kann sich vorstellen, mittels Crowdfunding in ein sehr junges Unternehmen zu investieren – allerdings zum Großteil nur bis zu 1000 €.
Als Finanzierungsformen würden österreichische Unternehmer einen Bankkredit (56%), Förderungen (49%) und Crowdfunding bzw. das Leihen von Familie und Freunden (je 28%) in Betracht ziehen – wobei sie Förderungen und Kredite im Fall der Fälle bevorzugen würden.
 

Österreichisches Unternehmertum und Vater Staat

Bei der spontanen Nennung von Eigenschaften des österreichischen Unternehmertums auf Platz 1: Gehemmt durch den Staat (Bürokratie, Steuern). Als „reich“ würde sich nur 1% bezeichnen. Auf die Frage, wie der Österreicher wohl Unternehmer beschreiben würde, kommen spontan Begriffe wie „Ausbeuter, Abzocker, Betrüger“, „Gierig, Geldgeil“ und „Reich“ an erster Stelle. Eine große Diskrepanz zwischen Eigen- und Fremdsicht also! Als die größten Stolpersteine für Unternehmer in Österreich werden ganz klar die Steuer (40%), das Wirtschaftsklima (18%) und die Sozialversicherung (17%) gesehen.
 

Always on?

Auf die Frage nach der Erreichbarkeit antworten stolze 77%, dass sie ständig oder oft erreichbar sind. Die, die schlecht oder kaum erreichbar sind, nennen „keine Lust“, „Freizeit“ oder „keine Zeit“ als Gründe dafür. 6% der Befragten besitzen übrigens kein Smartphone. WhatsApp ist die unverzichtbarste Smartphone-App für Österreichs Unternehmer, gefolgt von Mail und Facebook, Kalender und Google.

 Style und Mode in der Wirtschaft

24% der Unternehmer gefällt die Bartmode der heimischen Start-up-Szene gar nicht oder nicht gut: Der Hipster-Bart kann potentielle Investoren also nicht beeindrucken. Ganze 74% sprechen sich außerdem grundsätzlich gegen kurze Hosen bei Geschäftsterminen aus. Oben weniger und unten mehr, lautet also die Devise!

Träum weiter

von Bastian Kellhofer

 

„Dieses Start-up-Getue ist doch nichts weiter als eine andere Spielart des Kapitalismus. Und eine besonders raffinierte.“

Er fläzt auf seinem Sofa in seiner 40 m2 Wohnung in Wien-Neubau und zupft auf seiner Gitarre herum. Die Geschwindigkeit, in der gesprochen und gearbeitet wird, die Eigeninitiative, die Selbstausbeutung. Das sind gerade seine Themen. Irgendwie passt das alles nicht mehr zusammen. „Die Gründer beten sich selbst doch alle dieses Mantra vor: Arbeite hart, härter, mindestens 16 Stunden am Tag. Protze damit herum. Das ist das gängige Profil der Gründer. Doch kann das glücklich machen?“ Gruber, 1,90 groß, genauso schnell im Reden und im Denken, hat diese Welt noch nicht hinter sich gelassen. Im Gegenteil: Er ist mittendrin. Der Burgenländer gehört zu dem engen Zirkel der Szene, die sich schon seit vielen Jahren kennt. Lange bevor der große Hype ausbrach. Doch es geht für ihn nicht mehr in diesem Tempo weiter. Es hat sich etwas verändert in ihm drin.

Manuel Gruber wollte zuerst das Fernsehen revolutionieren. Bis er draufkam, dass Menschen in Zeiten wie diesen Inspiration mehr als alles andere brauchen. Und dass Geld und Wachstum nicht alles sind. Die Geschichte eines der größten Medien-Talente des Landes. Der 30-Jährige hat sich viel mit dem Glück der Menschen beschäftigt. Diesem Ankommen bei etwas, das man liebt, das einem Leidenschaft abverlangt. Dem man alles andere unterordnet. Diesem Gefühl, für eine bestimmte Sache auf der Welt zu sein. Die man gut kann. Vielleicht besser als alle anderen Menschen auf der Welt. Für ihn sind das Dokumentarfilme. Seit 2008 feilt er an seiner Idee eines eigenen Fernsehkanals herum, der inspirierende Geschichten von Menschen erzählt, die trotz widriger Umstände alles auf eine Karte gesetzt haben und ihren Traum gelebt haben. Albert Frantz etwa, der erst mit 17 Jahren begann, Klavier zu spielen, und mit 30 an der Weltspitze angekommen war. Oder die Lebensgeschichte eines jungen Österreichers, der die Menschen dazu bringen wollte, mehr Sport zu treiben. Gruber traf Florian Gschwandtner, lange bevor Runtastic ein globaler Hit wurde, auf dem elterlichen Bauernhof zum Interview und plauderte mit ihm über seine Visionen. Damals vor acht Jahren war die Start-up-Szene ohnehin nicht mehr als eine Handvoll Verrückter, die sich ab und an im neu eröffneten Sektor 5 in Wien-Margareten auf ein Bier traf und von Expansion träumte. Heute sind die meisten von ihnen CEOs funktionierender Unternehmen, die regelmäßig Schlagzeilen machen. Ali Mahlodji von whatchado gehörte dazu, Armin Strbac von Shpock, Moderator Daniel Cronin und eben Manuel Gruber. Die Faszination war, herauszufinden, was Menschen dazu bewegt, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Auf diese Grundthese stützt Gruber sein TV-Projekt. Er hat die Uni abgeschlossen, gilt als eines der spannendsten Medien-Talente des Landes, er schreibt fantastisch, filmt wie ein Großer und baut sich peu à peu ein Netzwerk auf. „Ich wollte kein abgefuckter Mitläufer werden, der bei einem der sterbenden Verlage oder Fernsehstationen angestellt ist und monatlich 2.000 netto auf dem Konto hat. Dazu war ich nie der Typ.“

Vor der Zeit

2010 pitchte er zum ersten Mal seine Idee vor größerem Publikum. Gruber wollte ein MTV für Entrepreneurs umsetzen. Einen Online-TV-Kanal mit mehreren Formaten, stark angelehnt an herkömmliche TV-Sender, aber als On-Demand-, Multi-App-Kanal. Er begann, in der Freizeit zu filmen, denn er hatte sich schon lange mit einer Videoproduktionsfirma selbstständig gemacht. Was bedeutet das Start-up-Leben wirklich? Die Entbehrung, in manchen Wochen nicht bei Hofer einkaufen zu können. Der Veganer hat daraus ein Projekt gemacht und sich einen Monat lang von einem Euro pro Tag ernährt. Dazu kommt die Unsicherheit. Was erzählt man dem Pfändungsbeamten, der wegen der offenen SVA-Rechnung vor der Tür steht? Und der Wille, es trotzdem zu machen. Das Baby wächst. Ein erster Investor pumpt 25.000 Euro in das Projekt. Manuel zieht sich aus der Produktionsfirma zurück. Die Web-Plattform nimmt Gestalt an, das kleine Team plant erste internationale Formate. Der Sprung scheint zu glücken, bis das Investment platzt. „Ich war am Boden. Wir waren so weit vorgedrungen, technisch auf dem neuesten Stand. Damals dachten die Fernsehsender noch darüber nach, ob es sich auszahlt, den Content auch online anzubieten. Es war noch die digitale Steinzeit.“

Der Markt zieht an

Doch die ging schnell vorüber. Zu schnell für das Zwei-Mann-Unternehmen, das je nach Auftragslage Selbstständige beauftragte. Der Markt hatte sich in Windeseile weiterentwickelt. Große Player tauchten auf: Netflix, AppleTV, Amazon mit einem eigenen Angebot. Die Branche reagierte in rasendem Tempo auf die Digitalisierung. Auch die Fernsehsender erkannten relativ früh das Potenzial der digitalen Angebote und banden zahlreiche Gründungen direkt in ihre neuen Konzepte ein. Die Disruption flog an Dreama TV vorbei. Kurz bevor das Projekt eingestampft wird, findet Gruber — eine Stunde vor Ende der Einreichungsfrist, den ProSiebenSat1 Accelerator, das erste Start-up-Accelerator-Programm, das sich auf Medien-Start-ups konzentriert. Drei Tage später die Einladung nach München. Aus mehr als 600 Start-ups wird Dreama TV ausgewählt am Ausbildungsprogramm teilzunehmen. Als eines von sechs Projekten aus dem deutschsprachigen Raum. Nach langer Bedenkzeit ziehen Gruber und sein Partner Philipp Klemm nach Unterföhring, im Juni erfolgt die offizielle Gründung. Dreama TV lebt. Das Team fliegt nach Jamaika und dreht die „Studio Chronicles“ über die berühmtesten Reggae-Studios der Welt. High-End-Material. International skalierbar. „Das Problem ist, dass die Medienhäuser sehr konservativ agieren. Sie arbeiten meist mit Menschen und Produzenten zusammen, die sie seit Jahren kennen. Wir haben mit Leuten bei Disney, Warner und zig anderen Stationen gesprochen. Allen gefiel unser Material. Doch zum Abschluss ist es nie gekommen“, sagt Gruber.

Das Geld anderer Leute

Diese ständige Suche nach dem Geld reicher Leute, die ein junges Projekt finanzieren und am Ende nur den eigenen Profit im Auge haben, gräbt an seiner eigenen Einstellung. Zum Geld und zum selbstbestimmten Leben. Er hat im Laufe seiner Karriere Dutzende von ihnen kennengelernt. Alte Männer, die man aus den Medien kennt, sie hofiert, aber niemals hinterfragt, woher denn das Vermögen kommt, dass sie jetzt so freizügig investieren können. Wie soll so jemand eine Plattform sponsern, die den Menschen die Freiheit näherbringen will? Dreama TV vollzieht die letzte Kehrtwende. 2014 beginnt der Weg zurück zum Ursprung. Inspiration und das Vermitteln von wahren Werten stehen wieder im Mittelpunkt. So wie damals, als alles begann. Gruber reiste in den vergangenen Monaten viel. Er war in Indien, in Kairo und in Brasilien. Drehte dort die Geschichten von regierungsfeindlichen Bloggern ab, die im arabischen Frühling die Staatsgewalt der Militärregierung zu spüren bekamen, oder über das bewegende Leben eines Transgenders in Mumbai. Dort sieht er künftig die Absatzmärkte für seine Produkte. „Die Menschen in Indien sprechen alle fließend Englisch, dort ist das Bedürfnis nach sinnstiftenden Storys groß. Man muss nicht den herkömmlichen Weg über die herkömmlichen Stationen nehmen. Vielleicht ist das der Umdenkprozess, den mein Baby gebraucht hat.“  2016 startet die Online-Akademie. Gruber will an die Schulen und den Kleinen beibringen, dass in dieser Welt nichts mehr sicher ist, auch nicht der Job bei der Bank. Seine Miete bezahlt er nach wie vor über Auftragsarbeiten. Die Abhängigkeit vom Geld der anderen Leute, von den kleinen Jobs, die ihn über Wasser halten und seinen Fokus von Dreama TV ablenken, zehrt an den Kräften. Kurz nach dem Interview ruft Warner an. Jemand aus der Spielfilmabteilung. Das Material sei großartig. Leider nicht für die Film-Sparte. Aber da gebe es jemanden, der sich dafür interessieren könnte. Die Suche geht weiter.

zur Person

Manuel Gruber studierte Medientechnik mit Schwerpunkt TV-Produktion an der FH St. Pölten, sowie Journalismus an der FH Wien. Seine Dokumentationen über Flo Gschwandtner, Heini Staudinger und Albert Frantz gehen regelmäßig viral. Er liebt den Surfpunk der 90er und ist bekennender Systemzweifler und fest angestellter Träumer. Er findet den Vice-Gründer Shane Smith großartig.