Schnorren

von Bastian Kellhofer

 

Von „Hast Du mal einen Euro“ bis „Hast Du mal eine Million“. — Geld, unsere geliebte Göttergötze, unser Objekt der Begierde. Punks, NGOs, Pfarrer — alle sind hinter unserem Ersparten her. Ohne die ganz große Gegenleistung anzubieten.

Hast Du mal ’nen Euro? Auch wenn das Objekt der Begierde nur eine Zigarette ist, der Schnorrer will Aufmerksamkeit und Prestige. Wer schnorrt, will nach oben. Und zwar ohne groß etwas dafür herzugeben. Diese Kultur hat sich tief in unsere Wirtschaftswelt gefressen. Der Modegott Versace hat das Phänomen für sich genutzt. Er stattete Prominente mit seinen Kleidern aus — auf Anfrage und Leihbasis. Bon Jovi, Liz Hurley, Courtney Love — sie alle „lieben“ die sündhaft teure Mode des Italieners. Bei den Golden Globes glitzern sie in die Kamera und berichten gerne, aus welchem Haus die Fummel kommen, die sie zur Schau tragen. Spitzen-PR für den Modekonzern. Bei ausreichend Prestige: geschenkt. Bei weniger: geliehen. Als Jenny Elvers beim Deutschen Filmpreis mit ihrem Versace-Kleid angab, konnte man sicher sein, dass sie geschnorrt hatte. Auch Sex-and-the-City-Star Kim Cattrall kann ausgezeichnet schnorren. Den nagelneuen Benz, aus dem sie die Beine schält, um neben Mercedes-Chef Dieter Zetsche auf einer Automobil-Messe die Figur zu machen, für die sie bezahlt wird, kutschiert sie sicher nicht in die heimische Garage. Alles nur geliehen, gefaked, erschnorrt.

Prestige hat einen Preis

Literatur — auch Kultur, aber ein anderes Genre. Die Figur des Dorian Grey kannte in der Kunstwelt des 19. Jahrhunderts den Wert seiner Erscheinung. Den tat er auch kund. „Heutzutage kennen die Menschen von allem den Preis und von nichts den Wert“, haucht er seinem Gönner Basil Hallward ins Ohr. Ewig jung, gleißend unschuldig. Ein naiver Empörling. Vergöttert für sein makelloses Äußeres, geschätzt für seine kindlichen Einwürfe. Dorian dient sich als Muse für die wohlbetuchte Londoner Kunstszene hoch. Er bezirzt und betört die Maler und Sammler. Als Dank wird ihm Zugang zu den oberen Zehntausend gewährt. Bälle, Vernissagen, Opern — Dorian schmückt en passant jede Veranstaltung — rein durch seine Anwesenheit. Er parliert und lässt hofieren. Alles Weltliche — eine Zumutung. Sein Narzissmus und seine Ästhetik sind sein Goldesel. So wie Niki Lauda. Ein gefundenes Fressen für den Boulevard. Hinter dem Glitter — eine kindliche Versorgungshaltung: Nähre mich, reicher Mensch.

Christian Wulff wurde vom deutschen Boulevard verspeist. Dem ehemaligen deutschen Bundespräsidenten, gesegnet mit allem, was sich ein Staatsoberhaupt nur wünschen kann, wurde sein Hang zum schönen Leben und seine Nähe zu denen, die es haben, zum Verhängnis. Protegiert von der Kanzlerin, begleitet von einer blütenschönen, aufregenden Frau und mit 17.000 Euro monatlich besoldet. Das Glück an der Spitze des Staates währte dennoch keine zwei Jahre. Weil Wulff schnorrte. Er hielt das prä-präsidiale Patscherchen beim Unternehmerehepaar Edith und Egon Geerkens auf, als er noch Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen war, um vom „väterlichen Freund“ eine halbe Million Euro zu ausgesprochen günstigen Konditionen zu ergattern. Die Causa holte ihn während der Präsidentschaft ein. Auch ein kostenloser Urlaub mit AWD-Gründer Carsten Maschmeyer trug nicht unwesentlich zum Rücktritt des Saubermann-Präsidenten bei. Er hatte sich durch die Beletage der deutschen Wirtschaft geschnorrt. Seine Rechnung: mehr Status, mehr Aufmerksamkeit, mehr Macht. Wulff fiel tief. Die Blütenschönheit verließ ihn, die Karriere war hin, der Lack ab.

Der Wiener Psychoanalytiker August Ruhs attestiert dem Schnorrer vor allemim wohlsituierten Umfeld eine aggressive Grundtendenz, eine permanente Grenzüberschreitung. Ich darf nicht, will aber trotzdem alles haben. „Die Korrelation von Schuld und Scham spielen beim Schnorren eine übergeordnete Rolle. Die Scham tritt auf den Beschnorrten über.“ Fragen Sieden Gönner Maschmeyer. Als der Investor kürzlich bekannt gab, bei der Start-up-Show „Die Höhle des Löwen“ in der Jury zu sitzen, erntete er einen passablen Shitstorm. Der Ruf wurde durch seine Spendierfreude ruiniert.

Die spirituellen Schnorrer

Diese dezent schmierige Anmutung, dieser Verstoß gegen das heilige Leistungsprinzip der kapitalistischen Wertegemeinschaft galt für die Schnorrer nicht immer. Im orthodoxen Judentum hatten die Schnorrer eine sozial potente Stellung inne: Sie verhalfen den reichen Handelsleuten dabei, einer ihrer wichtigsten religiösen Pflichten nachzukommen, der Barmherzigkeit. Die jüdischen Schnorrer des 17. Jahrhunderts waren spirituelle Bettelmönche. Sie hatten den Status von Wohltätern, die durch ihre bloße Anwesenheit die gute Tat erst bewirkten. Was auch daran lag, dass sie im Gegensatz zu christlichen und muslimischen Bittstellern Talmudgelehrte sein mussten, um die Reicheren zu einer Wohltat veranlassen zu dürfen. Aus dieser Zeit haben die Schnorrer auch ihren Namen. Denn die jüdischen Mönche zogen mit Lärminstrumenten durch die Lande, um ihr Anliegen lautstark zu bewerben. Weaponof choice: die Schnarre. Namenstiftend für den gesamten Berufsstand. Wer heute als solcher tituliert wird, hat durch wiederholtes Bitten um kleine Zuwendungen wie Zigaretten, ein spendiertes Bier oder kleine Beträge den Unmut seines Umfeldes auf sich gezogen.

Kinder: Die Könige im Abgreifen

Dieses Streben nach dem schnellen, bequemen Mehr steckt tief in der menschlichen DNA. Schon in der Frühphase des sozialen Miteinanders lernen Kleinkinder rasend schnell, durch geschicktes Argumentieren, Schmeicheln und Abwägen ihren Anteil an der Gummibärchen-Packung zu vergrößern oder einem anderen Kind mit ähnlich subversiven Methoden das Lieblingsspielzeug abzuluchsen. Auch das schnorrende Kind hat keinen anderen Wunsch, als seine gesellschaftliche Stellung durch den kostenlosen Zugewinn zu verbessern. Selbst wenn es sich um die Mikrogesellschaft Kindergarten handelt. Das Kind mit den meisten Süßigkeiten in der klebrigen Faust wird bewundert und seinerseits angeschnorrt. Deren Rechnung: mehr Gummibärchen, mehr Aufmerksamkeit, mehr Macht. Und die geht bei den geschickten Kindern wunderbar auf. Bei den plumpen endet sie in Tränen. Der erwachsene Schnorrer gibt etwas zurück. Die Gegenleistung entspricht nur nicht dem gängigen Tauschsystem Geld. Ihr Nutzen entfaltet sich indirekt. Dorian Grey inspirierte und zahlte in der bombensicheren Währung Prestige zurück. Im Fall Wulff liegt der Wert für die Beschnorrten im erhofften politischen Entgegenkommen ihres Günstlings. Selbst Punks, die nach einer Zigarette fragen, geben dem Spender für ein paar Minuten dieses wohlige Gefühl, sich von einer Last befreit zu haben. 

Die gerissenen Schnorrer: Journalisten, Pfarrer, Förderhelfer

Journalisten beherrschen dieses Spiel besonders gut. Sie dealen mit ihrer Möglichkeit, die Öffentlichkeit zu beeinflussen. Der Meister in diesem Fach war ein Wiener. Anton Kuh lebte um die Jahrhundertwende herum. Kurt Tucholsky bezeichnete ihn als „Sprechsteller“, weil er kaum durch veröffentlichte Werke auffiel. Umso mehr aber bei Verlegern. Durch seine brillante Rhetorik fiel es ihm leicht, Vorschüsse für Glossen und Essays zu erlangen, die er dann sehr spät oder gar nicht lieferte. Über einen strebsameren Kollegen sagte Kuh dereinst: „Das ist auch so ein unkollegialer Kollege. Er nimmt Vorschuss und liefert pünktlich. Ich habe ihn schon einige Male dabei ertappt.“ Als Kuh auf Druck der Nationalsozialisten Wien verlassen musste und in die USA emigrierte, sorgten sich seine Kaffeehausfreunde um ihn. Er entgegnete: „Keine Sorge, Schnorrer werden überall gebraucht.“ Er behielt recht. Kaum angekommen, knöpfte er in Hollywood den Reichen und Schönen die Scheine ab. Wer dort Star war und wer nicht, bestimmte Kuh mit seinem Geschnorre. Ein vollendeter Könner.

Heute bekommen Journalisten freien Eintritt in die Museen, Rabatte in Fitnessstudios, Konten mit Sonderkonditionen. Meist auf dezente Rückfrage kurz vor Unterzeichnung des allgemein gültigen Vertrags. Frei Haus, für den privaten Gebrauch. Prominente Schnorrer schreiben sie in den Ruin, selbst heimsen sie allerhand Schnorr- gut ein wie Dealer der breiten Öffentlichkeit. Allein die Aussicht auf wohlwollende Berichterstattung treibt vielen Dienstleistern den Stolz aus den Nasenlöchern. Wenn Mama das sieht.

Der NGO-Minijobber, der mit wütend-anprangerndem Gesicht in der Innenstadt um einen Obolus zur Rettung der Welt bittet, hat das Schnorren zum umfänglichen Inhalt seiner Sommerferien gemacht. Der Gegenwert, den er anbietet: ein erhabenes Gefühl. Man bewahrt die Wale vor der Auslöschung oder finanziert den Zaun, der brandrodende Horden vom Regenwald fernhält. Subsumieren wir die gemeinnützige, soziale Fundraising-Industrie auch unter dem Gesichtspunkt „Geld einnehmen, ohne einen direkten materiellen Gegenwert anzubieten“, dann steigt der Schnorr-EBITDA um schlappe 600 Millionen Euro pro Jahr. Die Österreicher erleichtern ihr Gewissen gerne über das Börserl. Auch hier wechselt etwas die Fronten. „Die Schuld überträgt sich auf denjenigen, an den das Begehren gerichtet ist“, sagt Ruhs. Durch die Bitte des Schnorrers wird ein Notstand ersichtlich. Ob tatsächlich vorhanden oder nicht, schert unser Unterbewusstsein wenig. Oder trauen Sie sich an Weihnachten den Klingelbeutel abwinkend passieren zu lassen, na?

Überhaupt. Die Mutter aller Schnorrer. Vier Millionen Euro nahm die katholische Kirche über das Schnorren ein. Allein im Jahr 2015 und nur in Wien. Den Ertragsposten findet man unter „Sonstiges“ im Rechnungsbericht. Wie hoch der Anteil der erschnorrten Geldbeträge unter den Einnahmen „kirchliche Aktivitäten“ ist, wissen nur die Pfarrdiener hinter den Kuchenbuffets und Grabbeltischen. Letztgültige Gegenleistung der Kirche: ein Platz an der Seite des Allmächtigen und die Vergebung der Sünden. Weltweit ein einträgliches Geschäft.

Der neoliberale Schnorrer

Doch auch unter den neoliberalen Heilsbringern gibt es Schnorrer. Der Förderungsberater hat das Schnorren sogar professionalisiert. Er hilft Start-ups dabei, die nötigen Unterlagen so aufzubereiten, dass FFG, AWS und CO. auch wirklich anspringen. Anyline-Gründer Lukas Kinigadner hat indirekt schon so seine Probleme mit den Förderberatern bekommen. Der Tiroler hat das OCR-Start-up gegründet, das dem Handy das Lesen beibringt. Mittlerweile ist Anyline nicht mehr aufzuhalten, aber in den ersten Monaten kämpften Kinigadner und seine Co-Founder um die Fördertöpfe. „Wir saßen relativ entspannt beim AWS und warteten auf das Abschluss-Gespräch für eine Förderung, die uns wieder erlaubt hätte, sechs Monate lang weiterzumachen. Unser Alex hat sich um die Förderungen gekümmert. Er ist selbstständiger Diplom- Ingenieur, und daher dachten die vom AWS, dass wir wohl einen Berater dabeihätten, der uns das Geld erschnorren möchte. Sie haben zur Abschlussbesprechung extra den führenden OCR-Experten von der TU eingeladen und uns zwei Stunden lang wie die Schulmädchen auseinandergenommen: Ob die Technologie überhaupt funktionieren würde, ob das Geschäftsmodell zum Produkt passt oder nicht. Sie vermuteten, dass wir einen Zwischenhändler dabeihätten. Und das mögen die gar nicht.“ Im Förderparadies Österreich ist ein richtiger Geschäftszweig daraus entstanden. Die Berater drehen und drücken das Start-up in die richtige Passform, damit die Förderungen leichter abgegriffen werden können. Sie wissen genau, welche Parameter und Kriterien den öffentlichen Stellen wichtig sind. Dafür nehmen sie nach erfolgreichem Abschluss zehn bis 15 Prozent der Fördersumme. „Diese Schnorr-Profis gibt es, weil die Rahmenbedingungen hart sind. Unsere Firma würde es ohne FFG und AWS gar nicht geben und dass, obwohl wir die Fördersumme fast direkt wieder beim Fiskus abliefern müssen, aber ohne diesen Schwung wären wir nicht weit gekommen“, so Kinigadner.

Jede Litfaßsäule, jedes Werbe-Pickerl auf dem Revers eines Sportmoderators ein Schnorr-Versuch. Primär um Aufmerksamkeit, sekundär um das Ersparte. Blickt man aus diesem Winkel auf die moderne Wirtschaft, dann fungieren ganze Wirtschaftszweige als breitenwirksamer Multiplikator für ein gewünschtes Engagement gegen einen geringen Gegenwert. Der schwarm-getriebene Crowdfunding-Manager bittet um einen Betrag für die Realisierung seines beruflichen Projekts. Die gesellschaftliche Breite, in der man schnorrt, hat sich sukzessive erweitert. Doch das Ziel ist immer dasselbe: ein libidinöser Wunsch nach Partizipation, nach einer Ausdehnung der eigenen Macht, nach der Verbesserung der eigenen sozialen Stellung. Psychoanalytiker Ruhs geht so weit, dass er das Schnorren
als „Verweigerung die symbiotische Mutter- Kind-Beziehung aufzugeben“ klassifiziert. Man will weiterkommen, und zwar in der kuscheligen Fötusstellung. Sei es der Punk, der eine Zigarette erbittet, das TV-Sternchen, das nach dem teuren Kleid lechzt, oder das nach dem fremden Teddybären jammernde Kleinkind. Sei dabei, unterstütz mich auf der Jagd nach dem alten Affen Aufmerksamkeit. Tun wir gerne. Hilft uns ja auch selbst. Hier hast du zwanzig Euro.  

 

Was Sie schon immer über Crowdfunding wissen wollten.

von Herta Scheidinger

 

Am Anfang steht eine gute Idee. Doch um damit durchzustarten fehlt oft das nötige Kleingeld. Für die, die keine klassischen Finanzierungswege beschreiten wollen gibt es mittlerweile eine attraktive Alternative. Crowdfunding hat die österreichische Start-up-Szene längst erobert. Doch was ist das eigentlich? 12 Fragen und Antworten zum Thema Crowdfunding. 

1. Was ist Crowdfunding?  

Viele Investoren finanzieren durch kleinere Geldbeträge innovative Geschäftsideen und Projekte. Die Menge „Crowd“ gibt dem Unternehmer Geld, damit dieser seine Idee umsetzen kann. Die Unternehmer holen sich beim Crowdfunding aber nicht nur Geld zur Verwirklichung ihrer Projekte, sondern profitieren auch davon, dass der Investor oft mit zu entwickeln beginnt und ein erstes Feedback gibt. Das ist auch eine Chance für das Unternehmen.

2. Wann wird Crowdfunding zur Finanzierung eingesetzt?

Start-ups mit innovativen Geschäftsmodellen bleiben die klassischen Finanzierungswege häufig versperrt. Crowdfunding schließt die Finanzierungslücke zwischen Produktentwicklung und Markteintritt. Es ist ein Instrument der Frühphasenfinanzierung und liefert Risikokapital für den Aufbau von jungen Unternehmen oder für die Finanzierung von Projekten. „Der Fokus liegt auf der Finanzierung von Innovationsvorhaben von mittelständischen Unternehmen sowie Start-ups“, so Reinhard Willfort, Gründer der Crowdfunding-Plattform „1000×1000“.

3. Ist die Öffentlichkeit der Kampagne ein Risiko für die Unternehmer?

Der öffentliche Ablauf der Funding-Kampagne und die daraus entstehende Transparenz haben auch Schattenseiten. So wird natürlich auch ein Misserfolg nach außen sichtbar. Auch müssen viele Informationen und Einzelheiten aus dem Unternehmen öffentlich gemacht werden, um die Investoren für das Projekt zu begeistern. Oft gibt es die Befürchtung, dass die Veröffentlichung der Informationen für Start-ups mit innovativem Geschäftsmodell eine Gefahr darstellen könnte. „Die Gefahr, dass die Idee gestohlen wird, ist aber überschaubar. Die Gründer haben immer Angst vor Ideenklau, das trifft aber in der Realität nicht so zu“, beruhigt Daniel Horak von der Crowdinvesting-Plattform Conda. „Der Unternehmer muss natürlich auch nach erfolgreicher Sammlung weiter in der Öffentlichkeit bleiben, um für seine Investoren transparent zu sein. Nach der Finanzierung muss man ehrlich und offen weiter kommunizieren“, so Horak.

4. Wie hoch ist das Risiko für die Investoren?

Bei einer Insolvenz des Unternehmens sind Rückzahlungen für die Investoren nicht zu erwarten. Die gesamte Investitionssumme kann verloren gehen. „Die Verlustgefahr gibt es natürlich. Wir raten immer, nur Geld zu investieren, bei dem man den Verlust verkraften kann“, so Horak. Außerdem ist es ratsam, nicht alles auf ein Pferd zu setzen. Durch eine Streuung ihres Risikokapitals auf mehrere Projekte können die Unterstützer das Investitionsrisiko senken.

5. Welche Projekte sind für Crowdfunding geeignet?

Unternehmen aus jeder nur erdenklichen Branche sind via Crowdfunding auf der Suche nach Kapitalgebern, vom klassischen Start-up über lokale Gründungsprojekte bis zum KMU-Bereich. Die Zielsummen, die eingesammelt werden sollen, reichen von 100.000 Euro bis in den niedrigen siebenstelligen Bereich. „Je breiter bekannt das Crowdinvesting wird, desto mehr Kapital kommt zusammen. Das Potenzial ist hier sehr groß“, freut sich Daniel Horak.

6. Was passiert, wenn die Crowdfinanzierung nicht klappt?

„Falls die Zielsumme nicht erreicht wird, werden die Beträge verlustfrei an die Investoren rücküberführt. Die Gelder werden während des Fundings treuhändisch verwaltet“, so Reinhard Willfort. Was jedoch eher selten passiert, denn die Unternehmen durchlaufen vor dem Start der Kampagne einen mehrstufigen Selektionsprozess durch die Experten der Plattformen.

7. Welche Crowdfundig-Modelle gibt es?

Donation based Crowdfunding – Geld als Spende für einen guten Zweck. Es geht darum, Projekte aus der Kreativ-, Kultur- und Kunstszene mit Spendengeldern zu finanzieren. Hier beteiligen sich die Unterstützer mit sehr geringen Beträgen und erhalten keine Gegenleistung.

Reward based Crowdfunding – Geld für Anerkennung. Geldgeber erhalten eine materielle oder ideelle Anerkennung vom Projektumsetzer. Das kann bei einer Produktentwicklung beispielsweise die frühe Nutzungsmöglichkeit eines Produktes oder einer Dienstleistung sein. Es fließt aber kein Geld an die Unterstützer zurück.

Lending based Crowdfunding –  Geld für Zinsen. Dieses Segment deckt den Bereich der privaten Mikrokredite (Crowdlending) für Projekte ab. Der Unterstützer verleiht sein Geld über einen Plattformbetreiber oder direkt an ein Unternehmen. Innerhalb einer definierten Laufzeit wird der Betrag verzinst. Der Zinssatz wird auf Basis von Angebot und Nachfrage je Projekt unterschiedlich vereinbart. Sind diese Darlehen „nachrangig“ vereinbart, wird diese Form des Crowdfunding von der FMA akzeptiert. Nachrangigkeit bedeutet, dass ein Investor sein Geld nicht zurückverlangen kann, wenn das Unternehmen dadurch in Schwierigkeiten kommen könnte.

Equity based Crowdfunding – Geld für Beteiligung.  Crowdinvesting ist das nachgefragteste Instrument. Die Investoren wollen Erfolg und potenziell Geld verdienen. Die Kapitalgeber erwerben mit ihrem Investment meist Beteiligungen an Unternehmen, bei denen sie am jährlichen Gewinn und an der Unternehmenswertsteigerung profitieren. Diese Crowdfunding-Variante erfolgt in Österreich über Genussscheine.

8. Wie kann ich mein Crowdfunding-Projekt selbst unterstützen?

„Es ist essenziell, dass die Unternehmer mit anpacken. Es gibt keine Selbstläufer“, so Horak. Der Unternehmer sollte für die Investoren sichtbar und erreichbar sein, eine intensive und kontinuierliche Kommunikation mit der Crowd ist daher unerlässlich. Bei einschlägigen Veranstaltungen können Kontakte geknüpft und neue Investoren an Bord geholt werden. „Die Betreuung einer Crowdfunding-Kampagne ist sehr zeitaufwändig. Schon im Vorfeld der eigentlichen Kampagne muss ein entsprechend großer Unterstützerkreis aufgebaut werden. Dieser ist wichtig, damit das Projekt erfolgreich starten kann. Projekte die bereits kurz nach dem Start des Fundings eine hohe Unterstützerzahl aufweisen, sind in der Regel erfolgreicher als andere. Es ist wichtig, bereits in den ersten Tagen nach dem Start zumindest 25 – 30 Prozent der angestrebten Summe zu sammeln, um eine gewisse Dynamik zu bekommen“, so Reinhard Willfort.

9. Wer sind die Investoren?

Dazu Daniel Horak: „Der typische Crowdinvestor ist männlich (75%) und zwischen 20 Jahren und Ende 40 (80%). Er ist selbständig oder im mittleren Management tätig. Zwei Drittel investieren unter 500 Euro und 35% investieren in mehr als ein Projekt.“ Man kann die Investoren in drei Kreise einteilen: das persönliche Netzwerk, die Zielgruppe und die Öffentlichkeit. Die Crowd setzt sich zu jeweils einem Drittel aus diesen Gruppen zusammen.

10. Was regelt das Crowdfunding-Gesetz?

Einzelanlagebeschränkung: Pro Kopf pro Projekt können 5.000 Euro investiert werden. Im Folgejahr ist noch einmal eine Investition möglich. Wer mehr als 5.000 Euro in ein Projekt investieren will muss eine Erklärung abgeben, dass er mehr als 2.500 Euro netto verdient.

Infoblatt ab 100.000 Euro, Prospektpflicht ab 5 Millionen Euro: Diejenigen, die das Geld einsammeln, müssen erst ab einem Betrag von 100.000 Euro ein Informationsblatt veröffentlichen.

Ab 1,5 Millionen Euro besteht eine Prospektpflicht light.

Ab fünf Millionen gibt es dann eine volle Prospektpflicht. Ein Kapitalprospekt weist in der Regel die Kennzahlen für die Investoren im Detail aus.

11. Sind Crowdfunding-Plattformen für Start-ups und Investoren sicher?

Crowdinvesting-Plattformen dürfen nur mit Konzession der Finanzmarktaufsicht oder mit einer Gewerbeberechtigung für Vermögensberater, Unternehmensberater oder Wertpapierdienstleister betrieben werden. Die Plattformen werden in der Regel von der Finanzmarktaufsicht geprüft. Eine Lizenz oder ein Siegel gibt es allerdings nicht. Es ist daher ratsam den jeweiligen Status potenzieller Crowdfunding-Partner zu hinterfragen.

12. Welche Crowdfunding-Plattformen gibt es in Österreich?

www.1000×1000.at – spezialisiert auf Innovationsprojekte und Gründungsvorhaben

www.conda.at – spezialisiert auf Start-ups

www.greenrocket.at – spezialisiert auf Startups im Bereich Nachhaltigkeit

www.neurovation.net – spezialisiert auf die Kreativbranche und Prototypen

www.respekt.net  – spezialisiert auf Spenden für Zivilprojekte

www.fundraizer.at 

www.crowdcapital.at 

Her mit der Marie!

von Herta Scheidinger

 

Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Frag den Staat. Der hilft mit Förderungen durch die schwierigen ersten Monate. Wenn der Businessplan passt. Damit der Traum vom eigenen Unternehmen nicht schnell wieder ausgeträumt ist, braucht es neben einer innovativen Idee auch ausreichend Kleingeld.

Der geplante Schritt in die Selbstständigkeit kann durch fehlende finanzielle Mittel erschwert oder gar unmöglich gemacht werden. Denn eine zündende Idee alleine nützt nichts, wenn das Geld zur Umsetzung fehlt. Um den Jungunternehmern hier unter die Arme zu greifen gibt es eine Reihe von Förderungen, mit deren Hilfe die Finanzierungshürde überwunden werden kann. Doch wie finde ich den Weg durch den Förderungsdschungel? Welches der vielen Programme für Gründer passt zu meinem Unternehmen und meinen Bedürfnissen? Und wo wende ich mich hin?

Die passende Förderung

„Förderungen können in einem einmaligen nicht rückzahlbaren Zuschuss, einem zinsenlosen Kredit oder in einer Art Bankgarantie erfolgen. In Abhängigkeit vom Unternehmensgegenstand und Investitionsvorhaben gilt es die richtige Förderung zu finden. Oftmals ist es eine Kombination von mehreren Förderungen, die von der Gemeinde, Land, Bund oder EU-Institutionen vergeben werden“, klärt Walter Glösl von der Steuerberatungskanzlei Auditax auf. „Tendenziell werden Investitionen in Sachanlagen besser gefördert als in immaterielle Wirtschaftsgüter. Förderungen gibt es auch für die Anschaffung von Betriebsmittel“. Wer eine Förderung beantragen möchte, sollte sich im Vorfeld ausreichend über die gebotenen Möglichkeiten informieren. Dafür gibt es einige Anlaufstellen. „Ein individueller Beratungstermin ist sehr wichtig, denn die Förderlandschaft ist sehr groß und wirkt auf den ersten Blick vielleicht unübersichtlich“, so Roland Gehbauer, Leiter des Gründercenters der Erste Bank. „Grundsätzlich begleiten wir Gründer durch die Vorbereitung und durch die ersten Unternehmerjahre. Im Durchschnitt treffen wir täglich zwei positive Finanzierungsentscheidungen“, so Roland Gehbauer weiter.

Gute Planung

Das Um und Auf bei einer Unternehmensgründung ist ein Businessplan, mit dessen Hilfe die erforderliche Finanzierung geplant und abgestimmt werden kann. „Der Businessplan fasst die gesamte Geschäftsidee des Unternehmens schriftlich zusammen, er beinhaltet unterschiedliche Pläne beispielsweise für den Vertrieb, das Marketing, die Beschaffung oder Produktion. Ganz wichtig ist der Finanzplan. Der Businessplan sollte einen Ausblick auf die ersten fünf Jahre haben und wenn er regelmäßig auf den neuesten Stand gebracht wird, kann er viele Jahre lang hilfreich sein“, sagt der Leiter des Gründercenters der Erste Bank . Am Anfang ist es wichtig zu wissen, wieviel Eigenkapital zur Verfügung steht, denn: „Ohne Eigenkapital ist es in der jetzigen Wirtschaftslage schwierig eine Finanzierung zu erhalten. Hat das Unternehmen bereits Erfolge verzeichnet und sind Aufträge und Einnahmen bereits absehbar, kann es trotzdem gelingen“, so der Experte von Auditax. Der Richtwert für die Höhe des Eigenkapitals liegt um 25 bis 35 Prozent, Abweichungen nach oben und unten sind freilich projektabhängig möglich.

Förderungen sind – von wenigen Ausnahmen abgesehen – keine Kredite, sondern z.B. Zuschüsse oder Haftungen. Der Kredit kommt von der Bank und wird durch die Förderung eventuell ermöglicht oder begünstigt. Es spielt beides zusammen und kommt ganz auf das Projekt an. „Förderbare Projektkosten werden, abhängig von der Förderung, aus der Planrechnung im Businessplan abgeschätzt und die Investitionen sind, nach Inanspruchnahme der Förderung, nachzuweisen“, so Roland Gehbauer. Bei der Einreichung eines Förderungsansuchens werden diverse Unterlagen gefordert, die vollständig zusammengestellt sein müssen. Dazu gehört die Gewerbeberechtigung, der Nachweis der bisherigen unselbstständigen Tätigkeit, die Abmeldung von der Gebietskrankenkasse und bei Gesellschaften der Gesellschaftsvertrag.

Zuschussförderungen gibt es für Investitionen, Forschung und Entwicklung. Die Höhe des Zuschusses wird in den Förderrichtlinien festgelegt und entspricht einem bestimmten Prozentsatz der anfallenden Kosten. Diese Barzuschüsse müssen in der Regel nicht zurückgezahlt werden. Da viele Zuschussförderungen erst nach Fertigstellung des Projektes fließen, müssen die Projektkosten zwischenfinanziert werden. Bei einigen Zuschussförderungen ist eine Akontozahlung abhängig vom Projektfortschritt möglich.

Geförderte Kredite werden über die Banken zu begünstigten Konditionen wie niedriger Zinssatz, niedrige Kosten der Kreditabwicklung und eine unbürokratische Antragstellung vergeben. Dafür verlangt die Bank jedoch Sicherheiten vom Jungunternehmer. „An oberster Stelle der Sicherheiten steht Barvermögen. Eine Liegenschaft hat ebenso einen hohen Stellenwert, wie auch anderes leicht liquidierbares Vermögen“ so Walter Glösl. Geförderte Kredite werden für Innovationsprojekte, Modernisierung und Erweiterung, F&E-Projekte und Internationalisierungsmaßnahmen durch Bundes- und Landesförderstellen angeboten.

Garantien und Haftungen werden sowohl von der Republik Österreich und als auch von Landesgesellschaften angeboten, wenn die vorhandenen Sicherheiten für einen Bankkredit nicht ausreichen. Dem finanzierenden Institut kann so eine erstklassige Sicherheit angeboten werden. Das Risiko der Bank wird minimiert und es sind bessere Kreditkonditionen möglich. Garantien und Haftungen sind sowohl für Investitionsprojekte als auch für den Betriebsmittelkauf oder die Unternehmenssicherung möglich. Unterschiede gibt es bei der Laufzeit, der Haftungsquote und bei der zu behaftenden Kredithöhe. Die Kosten für die Übernahme einer Garantie oder Haftung sind risikoabhängig.

Beteiligungen an Unternehmen in der Gründungsphase versorgen diese mit Eigenkapital. Risikoreiche Innovationsprojekte die sonst nicht umsetzbar wären, werden durch Beteiligungen von Bundes- oder Landesstellen möglich. Auch eine Expansion kann so finanziert werden.Auf diese Art wird Risikokapital zur Verfügung gestellt. Beteiligungen können entweder offen oder still ausgestaltet werden. Die Beteiligungskonditionen sind marktüblich.

Geförderte Beratungsleistungen vermitteln dem Unternehmerdas spezifische Know-how, das er für unternehmerischen Entscheidungen und Planungen braucht. Gefragte Beratungsthemen betreffen den Businessplan, die Strategie, die Finanzplanung, das Marketing und das Innovationsmanagement. Die Kosten für die Beratung durch einen adäquaten Experten werden zum Teil von den Förderstellen übernommen.

Der Weg zur Förderung:

  • Der Förderwerber hat die Idee zum Investitionsvorhaben.
  • Eigene Kostenschätzung vom Förderwerber
  • Angebote für das Vorhaben einholen
  • Projekt skizzieren aufgrund der eingeholten Angebote
  • Beratungsgespräche bei der WKO für mögliche Förderungen
  • Ist das Projekt größer als eine Million Euro, macht es Sinn direkt mit den Fördergebern zu sprechen
  • Kontakt zur Gemeinde bzw. zu Landesförderstellen suchen
  • Bankgespräch wenn: die Finanzierung über Fremdkapital laufen soll (Darlehen, Kredite, Rahmen, etc.)                         oder Sicherheiten bei Fremdkapitalfinanzierung fehlen (Haftungen/Bürgschaften)
  • Förderantrag kann gleich über die Bank gestellt werden
  • Förderanbot ergeht von der Förderstelle, der Förderwerber nimmt das Anbot durch Unterzeichnung an

Bei Zuschuss:

  • Auf Eingangsstempel des Fördergebers auf dem Antragsformular warten
  • Rechnungen nach den Investitionen sammeln
  • Rechnungen bei den Fördergebern über die Bank zur Abrechnung einreichen
  • Wenn reine Eigenkapitalfinanzierung gegeben ist, kann der Förderwerber die Abrechnung auch selbst mittels Abrechnungsformular von der Förderstelle durchführen.

Bei Krediten:

  • Nach Antragsstellung auf ok des Fördergebers warten
  • Zwischenfinanzierung erfolgt von der Bank, aus diesem Grund muss die Bank mit im Boot sein.
  • Nach der Investition die erhaltenen Rechnungen sammeln und bei der Bank einreichen, Kreditvolumen wird aufgrund der eingereichten Rechnungen abgerechnet.

Bei Haftung/Bürgschaften:

  • Nach Antragsstellung auf ok des Fördergebers warten, denn nur nur dann wird die Bank bereit sein der Fremdkapitalfinanzierung zu zustimmen.
  • Nach der Investition die erhaltenen Rechnungen sammeln und bei der Bank zur Abrechnung mit der Förderstelle einreichen.

Den Anerkennungsstichtag unbedingt beachten! Anerkannt können nur Kosten werden, die ab dem Zeitpunkt des Einlangens des Förderansuchens entstehen.

Fördergeber im Überblick:

Bundesförderstellen  

Austria Wirtschaftsservice Gesellschaft mbH (AWS) – Vergabe von zinsgünstigen Krediten, Zuschüssen und Garantien. Für alle Unternehmen, ausgenommen Tourismus und Freizeitwirtschaft.

Österreichische Hotel- und Tourismusbank Gesellschaft m.b.H. (ÖHT) – Vergibt Zuschüsse und Kredite und übernimmt Haftungen gegenüber Kreditinstituten. Für Unternehmen des Tourismus und der Freizeitwirtschaft.

Kommunalkredit Public Consulting GmbH (KPC) – Fördert Maßnahmen, die zu einer Verringerung der Umweltbelastung führen – meist in Form von Zuschüssen. Schwerpunkte sind Energiesparen, Energieversorgung und Mobilität.

Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft mbH (FFG) – Fördert die unternehmensnahe Forschung und Entwicklung.

Arbeitsmarktservice Österreich (AMS) – Bietet Förderungen vor allem für die Aufnahme von Mitarbeitern und für die Aus- und Weiterbildung von Mitarbeitern an.

Landesförderstellen  

Alle Bundesländer bieten in Ergänzung zu den Bundesförderstellen Förderungen an. In der Regel ist eine eigene Antragstellung erforderlich, um eine Landesförderung zu erhalten.

Gemeinden

Manche Gemeinden gewährten Zuschüsse für Investitionsvorhaben, es sind aber auch Förderungen in Form von befristeten Steuererleichterungen möglich, etwa bei der Kommunalsteuer.

 EU-Förderungen

Eine direkte Beantragung bei den Institutionen der EU ist nur in wenigen Fällen möglich. Förderungen aus den Mitteln der EU werden in der Regel mit den nationalen Förderungen mit ausgeschüttet. Der wichtigste Anwendungsbereich dabei ist Forschung und Entwicklung.

Sonstige Förderstellen

Über die Wirtschaftskammern gibt es die Internationalisierungsoffensive „Go-international“ des Wirtschaftsministeriums.

Vom Sozialministerium gibt es Förderungen bei einer Unternehmensgründung durch Menschen mit Behinderung, aber auch für die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung und für den behindertengerechten Umbau von Betriebsgebäuden.

Wir stehen am Gas mit angezogener Handbremse!

Kommentar, Thomas Uher, Vorstandsvorsitzender der Erste Bank Österreich

 

Die Österreichischen Unternehmen brauchen wieder mehr Freiheit. In den vergangenen Jahren waren es über 37.000 Personen, die jährlich den Schritt in die Selbständigkeit wagten. Jeden Tag werden in Österreich 110 Unternehmen gegründet. Ich bewundere den Mut jener Menschen, die sich das trauen, denn sie sind mit vielen Herausforderungen konfrontiert. PolitikerInnen lassen sich gerne mit jungen erfolgreichen Unternehmern ablichten, aber wenn es um Bürokratieabbau, Investitionsförderungen oder Senkung der Lohnnebenkosten zur Stärkung des Standortes geht, befällt die meisten eine fast chronische Taubheit.

Die Kreativität, um die leeren Staatskassen zu befüllen, kennt keine Grenzen: die Registrierkassenpflicht und auch die Anhebung der Kapitalertragssteuer, zeigen das ganz deutlich. Die Steuerreform 2015 wurde mit Sicherheit nicht für die rund 500.000 Selbständigen in Österreich gemacht. Gleichzeitig wundert man sich, warum der Standort Österreich Jahr für Jahr abrutscht und die Arbeitslosenzahlen in riesigen Schritten Richtung zehn Prozent marschieren. Das ist die höchste Arbeitslosenrate in der Geschichte der zweiten Republik und sie wird, laut dem österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung, erst in zwei bis drei Jahren wieder sinken. Schnell wird der Vorwurf laut, dass die heimischen Banken trotz günstiger Zinsen keine Kredite mehr an Unternehmen vergeben. Alternative Finanzierungsformen wie Crowdfunding erfahren derzeit einen großen Zuspruch. Sie werden zwar politisch forciert sind aber tatsächlich nur für eine kleine Gruppe von Unternehmen interessant und bergen viele Risiken für die Investoren in sich. Dabei wird jedoch vergessen, dass wir Banken gerne Kredite vergeben – schließlich ist es ja unser Kerngeschäft. Aufgrund der Basel-Regulierungen verglühen wir aber trotz billigem Geld auf der Batterie des Wirtschaftsmotors. 2015 verzeichnete unser Finanzierungsneugeschäft ein Wachstum von 7,4 Prozent. Jede Woche helfen wir unzähligen JungunternehmerInnen frisches Geld zu bekommen, doch trotz dieser erfreulichen Zahlen gibt es noch Luft nach oben. Bei einem Leitzins von 0,05 Prozent in der Eurozone sind Kredite so günstig wie lang nicht mehr und das könnte der europäischen Wirtschaft einen beachtlichen Schub geben.

Zudem muss man beachten, dass die günstigen Zinssätze sowie die neuen Basel-Regelungen, nur Konzernen helfen, die bereits über große Mittel verfügen. Die Klein- und Mittelständischen Betriebe, die in Österreich zu 90 Prozent vorherrschen, sowie Jungunternehmen können davon also nicht profitieren. Hier braucht es dringend ein Umdenken! Die heimischen Banken stehen mit dem Fuß am Gas, aber uns wurde die Handbremse angezogen. Für unsere kleinstrukturierte, heimische Wirtschaft braucht es wieder Deregulierung und Freiheit, damit wir nicht den Anschluss verlieren. Die österreichische Politik soll sich nicht nur bei Presseterminen mit Start-ups zum heimischen Unternehmertum bekennen, sondern mit einer klugen Wirtschaftspolitik. Nur dann bräuchten sich heimische Wirtschaftsminister und andere Politik-Granden nicht mehr davor zu fürchten, von frustrierten Wirten nicht bedient zu werden.